Vom Wachstum in alten Kernen

von Romana Ring [O.Ö Nachrichten, 18.12.2010]

Was über Jahrhunderte gewachsen ist, zerstören wir mitunter in wenigen Jahren. Doch die Revitalisierung eines Hauses im historischen Zentrum von Freistadt zeigt, dass das Aussterben unserer Ortskerne weder notwendig noch unumkehrbar ist.

Die in Freistadt und Wien ansässigen pointner I pointner architekten haben das bereits baufällige Eckhaus an der Heiligengeistgasse und Böhmergasse in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt für die WSG saniert und neuen Nutzungen angepasst, die seinen Bestand für die überschaubare Zukunft sichern werden.
Dafür haben sie den in seinen ältesten Teilen aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammenden Bestand näher an seinen ursprünglichen Zustand herangeführt, als er seit Langem war. Sie haben die von der Böhmergasse in den von einem Laubengang gefassten Hof führende Erschließungsachse unter Beibehaltung wesentlicher Teile, wie etwa des Stiegenhauses, frei gelegt.

Würde für die Kapelle
Sie haben einen zweiten, zur Heiligengeistgasse orientierten Eingang wieder geöffnet und auch der an dieser Stelle gelegenen alten Hauskapelle räumlich ihre Würde zurückgegeben. Vor zweihundert Jahren profaniert und fortan als Lager verwendet dient sie jetzt, erneut in ihrer ursprünglichen Zweigeschoßigkeit erlebbar geworden, den Hausbewohnerinnen und Hausbewohnern als Gemeinschaftsraum.
Denn das Stadthaus birgt in seinen Obergeschoßen nun wieder Wohnungen und entkräftet so die zahlreichen Vorbehalte bezüglich der Alltagstauglichkeit historischer, ja womöglich als Denkmal geschützter Objekte. Die haustechnisch auf neuesten Stand gebrachten Wohnungen sind ebenso komfortabel wie hell und großzügig. Man verfügt zwar nicht über einen eigenen Autoabstellplatz - hier hat die Gemeinde klugerweise Nachsicht geübt - genießt jedoch den historischen Charme der Substanz in den eigenen vier Wänden und beim Blick aus dem Fenster.

Weitgehend barrierefrei
Dank des eingebauten Aufzuges und der geschickten Organisation der Grundrisse, in denen kaum Platz für Erschließungsflächen vergeudet wird, sind die Wohnungen sogar weitgehend barrierefrei ausgestattet. Die Mischung „normaler“ und „betreubarer“ Einheiten unter einem Dach ist eine gute Ausgangslage für eine lebendige Hausgemeinschaft, zu der die Nutzung des Erdgeschoßes ihren Anteil beitragen wird: zu ebener Erde haben pointner | pointner architekten eine Krabbelstube eingebaut.

In den beiden Räumen rechts und links der Erschließungsachse sind zwei Gruppenräume untergebracht, in der kleinteiligen Struktur dahinter die entsprechenden Rückzugs- und Nebenräume. Während sich die Baumaßnahme in ihrer Gesamtheit auf die Erhaltung respektive die Wiedergewinnung einer gültigen historischen Substanz konzentriert hat, wird die neue Nutzung des Erdgeschoßes an der Böhmergasse – Geschäftsportale waren schon immer den deutlichsten Veränderungen unterworfen – mit großen, formal klar im Heute ruhenden Fenstern sichtbar gemacht.

Nominierung zum Bauherrenpreis 2011 der Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs